World Taekwondo-Europa: Dunkle Wolken über Warschau

Wenn man sich die Teilnehmerzahlen rund um die Europameisterschaft-U21 etwas genauer betrachtet, kann man eigentlich nur noch ungläubig den Kopf schütteln. Bei vielen Neuerungen, die vom europäischen Verband „World Taekwondo Europe“ (WTE) in den letzten Jahren eingeführt wurden, hat man auch immer das Gefühl, dass nicht der Sport im Vordergrund steht, sondern die Gier nach dem Geld der Nationen und Sportler. 

Von Athanasios Pragalos, dem Präsidenten der damaligen ETU, wurde 2016 der erste „PresidentsCup“ eingeführt. Um dieses G2-Turnier möglichst attraktiv zu machen, versprach die ETU-Führung allen Medaillengewinnern eine Nominierung bei den anstehenden Europameisterschaften.

Damit löste der europäische Verband bei den Sportlern einen unglaublichen Run aus. Im letzten und im vorletzten Jahr gingen beim PresidentsCup in Athen etwas über 2.000 Teilnehmer an den Start. Bei einer Startgebühr von 100,- Euro klingelten beim europäischen Verband über 200.000,- Euro in der Kasse.

Die Folgen dieser „verkauften Startplätze“ zeigten sich dann bei der Jugend-Europameisterschaft 2017 in Larnaca. Für die zwanzig Gewichtsklassen ging Russland dort mit 48 Teilnehmern an den Start. Und das zahlte sich aus. Bei der „regulären“ Jugend-Euro 2015 gewann Russland zwölf Medaillen. In Larnaca waren es insgesamt 26 Medaillen! (siehe hier)   

Mittlerweile hat sich die Situation deutlich verschlechtert. Offensichtlich haben die sprudelnden Einnahmen die Phantasie der WTE-Führung angeregt. Nur so ist es zu erklären, dass Athanasios Pragalos mit der Gründung der „Open Multi European Games“ noch eins draufgesetzt hat. Mit einem Federstrich hat die WTE-Führung allen Medaillengewinner von diesem sperrig klingenden Turnier ebenfalls die Teilnahme an den Europameisterschaften zugesagt. Die nationalen Präsidenten stimmten – wie immer! – dem Ganzen kritiklos zu. 

Die gravierenden Folgen dieser zweifelhaften Entscheidungen lassen Böses erahnen. Während 2015 – also vor der Einführung des PresidentsCup - bei der Euro-U21 für die 16 Gewichtsklassen nur 286 Teilnehmer an den Start gingen, haben sich für die Euro in Warschau insgesamt 779 Teilnehmer angemeldet. Die Türkei schickt in Warschau 92 Teilnehmer ins Rennen, Russland reist mit 77 Teilnehmern nach Warschau.

Natürlich wird aus den Reihen der WTE steif und fest behauptet, dass dort alle Entscheidungen nur zum Wohle der Sportler gefällt werden. Ist das wirklich so? Oder geht es nur noch darum, möglichst viel Profit aus den Nationen und Sportlern herauszupressen? Nun, wenn es der WTE und den nationalen Präsidenten bei ihren Entscheidungen wirklich nur um den Sport geht, sollten sie mal Nägel mit Köpfen machen und allen Medaillengewinnern der G-Turnier die Teilnahme an den jeweiligen Europameisterschaften erlauben. Gegenüber der momentanen Situation würde sich im Endeffekt nicht viel ändern. Man würde dadurch nur ein größeres G-Turnier ins Leben rufen und das Ganze als „Europameisterschaft“ bezeichnen.  

Übrigens, wegen der 779 Teilnehmer wird die Euro-U21 jetzt an vier Wettkampftagen durchgeführt, 2015 waren es nur zwei Tage. Für die Nationen fallen dadurch deutlich höhere Unkosten an. Die Suche nach günstigen Hotelzimmern hat die WTE-Führung untersagt. Laut einem Beschluss ihres Councils müssen sich alle Nationen mit ihren Wettkämpfern und Funktionären in die vom Organisationskomitee vorgeschlagenen Hotels einbuchen. Wenn sich jemand nicht an diese Vorgabe hält, kann für die Ausstellung der Akkreditierungskarte eine Strafgebühr in Höhe von 100,- Euro verlangen. Es ist nicht bekannt, ob alle nationalen Präsidenten mit diesem Straferlass einverstanden waren.